Transition noch auf der Höhe der Zeit?

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„Einfach. Jetzt. Machen.“ Wir, als Leser*innen des Transition-Initiativen-Newsletters, uns sind die Grundsätze der Transition-Bewegung vertraut. Auf der Webseite steht: „Wir wollen weniger abhängig von fossilen Rohstoffen werden. Und wir wollen klimafreundlich und enkeltauglich leben. Wir starten diesen Wandel mit Kopf, Herz und Hand“.

Die Grundaussagen sind klar: Ein Wandel entsteht nur, wenn wir selbst jetzt mit gutem Beispiel und bei bester Laune anfangen, etwas zu bewirken. Anderen zeigen, wie das eigene Fahrrad repariert oder Tomaten und Kartoffeln auch auf dem Balkon oder auf Grünstreifen in der Stadt angebaut werden können (Hand). Wir wollen diskutieren und uns darüber austauschen, wie wir zusammenarbeiten wollen oder wie die Energieversorgung von morgen aussehen kann (Kopf). Und gleichzeitig wollen wir dabei auf uns selbst und unsere Mitmenschen achten, dabei selbst nicht verbrennen und davon ausgehen, dass ein wirklicher Wandel in unserem Inneren beginnen soll (Herz).

Gemeinsam ist uns (und anderen, befreundeten Bewegungen), dass wir selbst jetzt anfangen (bottom-up-Ansatz). Wir wollen nicht auf den „Vater Staat“ warten. Im Gespräch mit einigen älteren Menschen, die sich bei Transition engagieren und davor schon lange in der Umweltbewegung aktiv waren, ist mir noch mehr klar geworden, was sie an Transition so schätzen: Wir wollen nichts überstürzen, wir beschäftigen uns mit Umweltpsychologie, Permakultur und gewaltfreier Kommunikation und Gesprächsführung alternativen Entscheidungswegen und Strukturen (Soziokratie, Systemisches Konsensieren). Dabei achten wir darauf, nicht mit negativen Nachrichten und Weltuntergangsszenarien zu arbeiten, sondern betonen die positiven Graswurzelprojekte, die wir alle starten können. Ich finde, wir geben uns da redlich Mühe und das trägt auch schon einige Früchte. Toll! :-)

Doch was passiert dann im Spätsommer und Herbst 2019? Tausende Menschen demonstrierten gegen in Deutschland gegen den Braunkohleabbau und die Abholzung des Hambacher Forsts. Greta Thunbergs Schulstreik und emotionale Wut über die Regierenden und Mächtigen lösen die globale Bewegung Fridays For Future (FFF) mit Proxies (Scientists, Parents, Students, ... for Future) aus. Extinction Rebellion (XR) argumentiert mit Aufstehen statt Aussterben und blockiert europäische Großstädte und Automessen. Diese jüngsten Protestbewegungen bringen für die Umweltbewegung so viele Menschen auf die Straßen wie seit den Anti-AKW-Protesten nicht mehr. Und die Politik? Die reagiert. Natürlich nur Millimeterweise, natürlich mehr mit Absichtserklärungen. Doch es passiert mehr, als so manche noch zu hoffen gewagt haben. Wut und Emotionen, von denen wir gedacht haben, die sollten spärlich eingesetzt werden, bringen die Menschen auf die Straße.

Man könnte jetzt sagen, einen solche Resonanz hat Transition-Bewegung noch nie erzielt. Ist sie doch der falsche Weg? Bewegt doch die Angst vor Extremereignissen und gesellschaftlichen Umwälzungen die Menschen?

Ich glaube, wir brauchen Transition-Towns und -Initiativen weiterhin. Und ja, wir brauchen alle, die jüngsten Bewegungen (z.B. FFF, XR) oder auch die ganz klassischen Verbände (z.B. BUND, NABU, VCD). Ich plädiere für eine Diversität an Organisationen und Organisationsformen, denn:

  • Manche Idee gab es schon früher, entwickelt in den 80igern, sie fiel nur nicht auf fruchtbaren Boden. Wenn sich das gesellschaftliche Klima ändert, geht der Samen auf. Neue Bewegungen schaffen Impulse, alte Ideen mal wieder neu auszuprobieren (Kontinuität).
  • Neue Protestbewegung können leider wieder abebben. Es ist gut, wenn dann andere Gruppen mit Strukturen und Konzepten da sind, und das Erreichte sichern und weiterbringen (Resilienz).
  • Große, mitgliederfinanzierte Organisationen können den Druck von der Straße aufgreifen und mit Expert*innen alternative Gesetzesvorschläge entwickeln (Arbeitsteilung).
  • Gemeinsam sind wir stark. Bündnisse zwischen unterschiedlichen Akteur*innen sind herausfordernd, haben aber eine höhere Schlagkraft (Resonanz).

So gesehen, machen wir gerade so weiter. Es ist kein Problem, wenn ein Radentscheid dem gerade erst der Stadtpolitik- und verwaltung abgerungenen Fahrradkonzept noch ne Schippe drauf legt. Sondern es kann eine geschickte Arbeitsteilung und Synergie sein. Genauso brauchen wir unsere Konzepte des Jetzt Selber Machens oder wenn es um konkrete Utopien und Beispiele geht. Und die Idee des Inneren Wandels wird auch noch gebraucht, um langfristig und mit weniger Burn-out-Risiko zu verändern.

Kommentare

Bild des/r Benutzers/in Ruth Habermehl

Danke für den Artikel. Sehe ich auch so. Ein so komplexes Thema wie den öko-sozialen Wandel profitiert von vielfältigen Veränderungsansätzen. Nach meinem jetzigen Kenntnisstand sind Veränderungen auf nationaler Ebene durch die Politik unabdingbar. Und da braucht es einen anderen Ansatz als TT. Und TT ist das positive Bild, das Sichtbarwerden des Neuen, das für eine Veränderung ebenso gebraucht wird. Und außerdem ist Konkurrenzdenken (wer ist besser, wichtiger, einflussreicher) nicht gerade das, was uns guttut - oder?

Bild des/r Benutzers/in Gesa Maschkowski

Lieber David. Transition Initiativen brauchts dringender als jemals zuvor. Und Transition ist für mich integraler Teil der großen Klimagerechtigkeitsbewegung. Bonn im Wandel beispielsweise war viel früher im Hambi als viele anderen. Seit 2013 sind wir im Wald und haben mit Menschen gesprochen, seit 2015 machen wir Aktionen, Spaziergänge und Berichte, nur die Zeit war noch nicht reif. Der große Erfolg im Hambacher Forst beruhte auf einem Bündnis der Vielen, vor allem und in erster Linie dem Mut der Waldbesetzer*innen sich überwiegend friedlich und kreativ der Übermacht der Polizei gestellt haben, der Klage des BUND, den Anwohnergruppen, Ende Gelände, ...Wir als Bonn im Wandel haben mit unseren Berichten und Aktionen die Brücke zu "normalen Leuten" geschlagen. Haben Ausflüge organisiert, standen mit unseren Aktion "Mein Gesicht für den Hambi" auf dem Münsterplatz und bei den  Demos. Wir konnten zeigen, die Unterstützung für den Hambi ist in der ganzen Gesellschaft angekommen, Noch nie sind so viele Menschen vor meine Kamera "gesprungen" und wollten ihr Gesicht für den Hambi zeigen. Das war nicht entscheidend aber wichtig, denn die Waldbesetzer wurden lange in den Medien"kriminalisiert", Das ist bei Großvätern, die mit ihren Enkel in die Kamera strahlen nicht so einfach. <https://bonnimwandel.de/mein-gesicht-fuer-den-hambacher-wald-mach-mit-und-zeig-deine-unterstuetzung/

Und gerade jetzt im Kontext der Klimaproteste ist Transition so wichtig wie nie zuvor. Greta ist eine wunderbar mutige junge  Frau, die Bewegungen aber gab es aber schon vorher. Sie hat der Bewegung /ein Gesicht gegeben. Und sie hat dafür gesorgt, dass noch viel mehr aufstehen. Dafür bin ich sehr dankbar. Doch: Was kommt nach der Demo? Danach kommt Transition, oder wie es auch gerne heißt  die große Transformation.. https://bonnimwandel.de/speedtalk1-was-ist-eigentlich-transition-1/  Das ist die Kernkompetenz von Transition Initiativen. Und Totnes und Marburg machen es gerade vor. Nach der Demo kommt der Klimanotstand und nach dem Klimanotstand kommt Transition Siehe Newsletter und https://transitionnetwork.org/news-and-blog/totnes-declares-a-climate-ecological-emergency-what-next-event-report/

Nur werden wir ganz bestimmt die große Transformation nicht schaffen, wenn die Mehrheit von uns tagsüber im alten System ihr Geld verdient und Abends - kaputt von der Arbeit - noch versucht die Welt zu retten. Transformation wird nur gelingen, wenn wir alle das auch tagsüber tun können. Die meisten Initiativen die ich kenne arbeiten nachwievor unter marginalen Bedingungen. So kann vielleicht einige schöne Modellprojekte schaffen und zeigen, dass es möglich ist, z.b. solidarisch zu wirtschaften. 

Spannend aber wirds wenn das Transitin Know How aus der Nische heraus kommt. In Institutionen, Kirchen, Gemeinden und Stadträten einsickert. Das erfahre ich selbst, wenn ich  Trainings und Workshops in ganz anderen Kontexten gebe, wie Kirchen. Dieses Zusammenspiel von "unten" und "oben" untersucht aber auch ein großes EU Projekt des Transition Network :Transition in Municipalities http://municipalitiesintransition.org/

Fazit: Transition braucht es dringender als jemals zuvor, denn Demonstrieren reicht nicht. Und nie war die Zeit günstiger für Transition.

Aber ich gebe dir und auch Ruth recht: Transition ist vielfältig, und nicht immer bekommt man mit  was wo anders läuft. Das heißt aber nicht, das nichts läuft. Vielleicht ist es einfach nicht "in der Mitte angekommen". Unsere Aktion "Mein Gesicht für den Hambi" wurde damals lediglich von Blue Pingu verbreitet, aber nicht vom deutschen Netzwerk....

Viele Grüße

Gesa